Der arme Bücher-Millionär

Viktor Lazić in seiner Bibliothek in Beldgrad c: Starmühler

Ein junger Mann sammelt Bücher, die andere nicht mehr brauchen, stapelt sie in Bananenschachteln und baut an der „größten internationalen Bibliothek zwischen Wien und Istanbul“. Die erste Million ist überschritten. Und wir wollen ihm beim Ausbau helfen: Mit einer Büchersammlung in Korneuburg am 2./3. November 2018.

Hier gibt es Informationen zu unserer Büchersammlung in der Michlfarm in Korneuburg am Freitag, 2.11. und Samstag, 3.11.2018.

Im folgenden Beitrag informieren wir über die Hintergründe dieses unglaublichen Bibliotheks-Projektes. Das Credo des Initiators Viktor Lazić in einer Zeit der Digitalisierung ist: „Wenn ein gedrucktes Buch erst einmal weggeworfen wurde, ist es verloren – retten wir die Bücher vor der Vernichtung.“

Der folgende Text von Herbert Starmühler erschien in der Tageszeitung „Die Presse“.

***

Kein Buch darf sterben

Ein junger Mann sammelt Bücher, die andere nicht mehr brauchen, stapelt sie in Bananenschachteln und baut an der „größten internationalen Bibliothek zwischen Wien und Istanbul“. Die erste Million ist überschritten.

Victor Lazic Bücherlager © StarmühlerEr ist ein Verrückter. Ein Verrückter mitSystem. Ein Buchverrückter. Ein Sammler, der Papier und Bücher, Buchstaben und Pläne nicht ansehen kann, ohne „Ich will das haben“ zu denken. Die Krankheit, die Sammlerwut, ist bekannt, sie grassiert auch in den besten Kreisen, insbesondere Bücher sind seit Jahrhunderten Ziel der Begierden.

„Mindestens ein Exemplar wird jedenfalls gesammelt, das ist die Regel des Großvaters, ein Exemplar ist Pflicht. So schlecht kann kein Buch sein, dass es nicht wert ist, aufgehoben zu werden“. Viktor Lazić, er ist von der ganz harten Sorte der Sammlerwütigen: Er sucht und hamstert nach einem simplen System. ALLE Bücher, die ihm unterkommen, werden genommen. Lazić, 31-jährig und heute gerade wieder mit Dreitagesbart.

Falls vorhanden belässt er aber auch meistens ein zweites und drittes Exemplar in seinem Bestand. Die weiteren Stücke desselben Buches würde er aber auch nicht wegwerfen – alles zu kostbar, er bietet die Bücher dann anderen Buchverliebten an. Anderen Bibliotheken zumeist. Irgendwo am Balkan, wo stattliche und staatliche Büchereien Not leiden, Not litten und sicher noch lange auf literarische Almosen angewiesen sind. Denn die Bibliothek wächst und gedeiht in Belgrad und um Belgrad herum.

Unauffällig, unverbindlich, höflich

Man muss sich Viktor Lazić vorstellen wie sonst auch einen üblichen Verrückten: Unauffällig, verbindlich und höflich. Alles fängt immer in der Josipa Slavenskog 19 an, einem kleinen Gässchen im Belgrader Außenbezirk Banjica, das jedes Navi auf harte Proben stellt (unseres ist gescheitert). Dort, in einem hübschen, weißen Zweifamilienhaus, startet Viktor Lazić mit allen seinen Gästen, kein Wunder, die Besucher sollen zuerst mal einen positiven Eindruck bekommen, der erste Eindruck ist ja der beste – später wird er uns staubige Bücherlager zeigen, die nicht für das Publikum geeignet wären. Also rein ins Vergnügen. Victor Lazic Buchmuseum © StarmühlerWir sind im Museum des Buches. Rotdunkles Holz der Bücherschränke, Glasvitrinen, Objekte, Masken, seltsame Pergamentrollen – und Bücher. Hier ein Buch aus dem Fötus des Kalbs, da ein buddhistisches Gebetsbuch, nicht weit davon findet sich eine ganze Sammlung äthiopischer Bücher, die der Kooperation mit der Nationalbibliothek in Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien entstammt. Hübsch drapiert, ein Schmuckstück mit hundert Entstehungsgeschichten. Vieles im Museum, das sich mit einer Handvoll Themenräumen durch das ganzeHaus zieht, hat Lazić von seinen Reisen mitgebracht. Gerade kommt er aus Südamerika. Drei bis vier Monate im Jahr zieht er durch die Welt: Tibet, Vietnam, Russland oder Brasilien. Und immer geht es auch dort um Kultur & Buch, um Reisen & Buch, um Menschen & Bücher. Er knüpft vorab Kontakte zu den dortigen Bibliotheken und findet für seine Anliegen dann ein offenes Ohr, kann seinem Schatz wieder einige Stücke zufügen.G24A8138

Wovon leben Sie eigentlich, Herr Lazić? Vorab hat er erwähnt, dass seine Tätigkeit als Rechtsanwalt die Monatsfrist nicht überstanden hat, die Jurisprudenz, verwurzelt in der Familie, war seine Sache nicht, „ich würde dort sterben. Das ganze schöne Studium, das seine Eltern finanzierten, also umsonst?

Leben mit 50 Euro pro Monat

„Es ist eine Mischung“,sagt er und berichtet von ziemlich miesen Zeiten, als er mit 50 Euro durch den Monat kommen musste, was auch in Serbien nicht üppig ist. Es sind Forschungsgelder, Spenden, Mitgliedsbeiträge zu seinem Verein „ADLIGAT, der Gesellschaft für Kultur, Kunst und internationaler Kooperation“ und Ähnliches, was ihn über Wasser hält. Mittlerweile kann er sich ein Monatsgehalt von rund 350 Euro auszahlen, auch drei, manchmal vier ständige Mitarbeiter bekommen ähnliche Gehälter. Möglich unter anderem durch die Monatsspende von 2.000 Euro seitens Lazić Familie, Vater und Mutter haben mit ihrem einzigen Sohn Frieden gemacht. Nach anfänglichen Verwünschungen und Flehen und nach einem mehrjährigen Bruch hat Viktor den Eltern bewiesen, dass er nicht das schwarze Schaf ist, arbeitsscheu und unvermittelbar, als das sie ihn anfangs gesehen haben.

Öffentliche Auftritte, Einladung ins Fernsehen und Spenden von prominenter Seite ließen den Groll verblassen. Heute sind die Eltern Gorica und Branislav Lazić im Vorstand des Vereins, im Rang von Vizepräsidenten.

Kein großes Geld

Es ist nämlich so, dass Viktor Lazić mit seiner Büchermanie kein großes Geld verdienen will. Dafür hätte er Rechtsanwalt bleiben müssen. Das ganze Projekt heißt „Adligat“ und ist eine Non-Profit-Organisation. Ein Verein ohne Gewinnabsichten. Adligat bezeichnet Bücher, die inhaltlich zusammengehören.

G24A8023Dies macht Viktor Lazić in seinen Themenräumen greifbar. Hier gibt es das Pavlović-Zimmer (Miodrag Pavlović war einer der wichtigsten Nachkriegs-Schriftsteller des Landes), dort sind es historische Bücher, da ist der Reiseraum. Donnerstags und freitags ist das Museum für Besucher geöffnet, 100 bis 150 Personen sehen sich die Sammlungen monatlich an, die anderen Tage sind den Forschern überlassen, für sie soll ein neuer Leseraum auf der Terrasse des Hauses dazukommen.

Lazić sammelt aber nicht nur serbische Literatur, oder Bücher in slawischer Sprache. Er sammelt, wie gesagt, ALLE Bücher. Das heißt daher: ALLE Sprachen. Stark vertreten sind so auch Werke in deutscher Sprache, und zwar im Reise-Zimmer genauso wie in anderen Themenräumen. Denn viele Spenden, die Lazić bekommt, stammen von Übersetzern, Literaten, die sich durch Transkriptionen ein Zubrot verdienen.

Bücher statt Beziehung

Legendär zum Beispiel die Evakuierung des gesamten Nachlasses von Peter Urban, dem Übersetzer und Literaten, der in Deutschland in einem Bauernhaus im Hohen Vogelsberg lebte. An dieser zeit- und nervenraubenden Aktion scheiterte die Beziehung zu seiner Verlobten. Egal, Viktor ist ohnehin in erster Linie mit Büchern verheiratet. 15.000 Bücher waren von Deutschland nach Belgrad zu bringen. Also fuhr er hin, organisierte Lastautos, kämpfte sich durch Zollformalitäten, lud die Fracht an der Grenze aus und wieder ein, schaffte es bis nach Belgrad und verstaute die Bände dann in seinen Lada, was Dutzende Fahrten bedeutete, aber ein LKW kann halt nicht durch die engen Gassen der Vorstadt.

Ausdauer und gute Beziehungen

G24A8008Die große Stärke sind mittlerweile Lazićs Beziehungen zu so vielen Leuten in der Nachbarschaft, die ihm Räume zur Verfügung stellen, in Nebenräumen, Kellern und Dachböden lagern die Bände, in mittlerweile 7.000 Bananenkisten, markiert für die spätere Registrierung. Der Sammler hat nämlich das Prinzip der Bibliotheken umgekehrt: Nicht zuerst Platz schaffen und dann Bücher anschaffen, sondern zuerst Bücher sichern. Sichern vor dem Verfall, vor dem Weggeworfen werden, vor dem Schredder, der Mülldeponie. „Sind sie einmal weggeworfen, so sind sie unrettbar verloren.“ Also zuerst hamstern, dann erst archivieren. Jeder Spender bekommt ein dreibuchstabiges Akronym, das samt Datum ins Buch vorne eingetragen wird. Das muss vorerst reichen.

Warum machen das die Menschen, warum überlassen sie ihre Räumlichkeiten für Monate oder Jahre einem jungen Sammler? Vera Vucković, die 20.000 Bücher für zwei Jahre in ihrem Privathaus einlagern ließ, sagt: „Es sollte mehr Menschen wie ihn geben, die mit Privatinitiative Büchereien unterstützen, der Staat versagt hier ja.“

Überzeugter Anti-Kommunist

G24A8009Mit den Jahren wuchs das Zutrauen zu dem Projekt und namhaften Spenden folgten Schenkungen, nicht nur von Büchern, sondern auch von Grundstücken und Immobilien. Die Bücher, in Kisten und Regalen verwahrt, zwischengelagert und allmählich auch katalogisiert, finden sich auch in der Volkschule, die Viktor Lazić einmal besucht hat. Es ist ein Deal mit der Direktorin, die im Keller für Tausende Bücher Platz gemacht hat, meterhohe Räume voller Chiquita-Bananenboxen, „die wir kaufen müssen und pro Stück umgerechnet etwa 40 Cent zahlen“. Einzige Bedingung der Direktorin: Viktor Lazić muss innerhalb eines Tages alles hinausschaffen können, wenn der Platz anderweitig gebraucht würde. Es ist ein Netzwerk des Good-Will, das der verhinderte Jurist geknüpft hat. 300 Institutionen seien es bereits, verstreut über das ehemalige Jugoslawien, mit denen er kooperiere. Vorwiegend Bibliotheken, die er zu einem Austausch motiviert – Geld für Anschaffungen haben die meisten Büchereien viel zu wenig, doch im Zusammenspiel können Bestände ergänzt werden. Des einen Doubletten sind des anderen Unikat. Und viele Universitätsinstitute helfen bei der Katalogisierung fremdsprachiger Bücher. Denn der Bibliothekar liest gerne und viel – doch die Zeit und Sprachen setzen Grenzen. Es ist schon schwierig, die vielen Kisten im Überblick zu behalten.

Vorbehalte und Reserviertheiten gibt es natürlich, zumal Viktor Lazić aus zwei Dingen keinen Hehl macht: Er ist stolzer Serbe und überzeugter Antikommunist. Spitzbübisch lächelnd führt er den Gast zu einer Vitrine, die eine handschriftliche Besonderheit ausstellt. Es ist der letzte Wille von Pawle Vuisić, berühmtester Schauspieler im Tito-Jugoslawien, tief im Herzen Antikommunist, der immer wieder von Tito eingeladen wurde, und der buchstäblich gekidnapped werden musste, um der Einladung nicht mehr auszukommen. Bei der Beerdigung wollte er sechs Priester haben, die STUMM die Lieder singen. Und im Testament verbot er jeglichen Kommunisten, irgendetwas am Sarg zu sagen. Alles hier unter Vitrinenglas zu betrachten.

Sammeln liegt im Blut

G24A8048 G24A8047 G24A8051 G24A8023 G24A8043Und immer wieder Raritäten: Ein Buch über Tito in der Thai-Sprache, Sun Tzus „Die Kunst der Kriegsführung“ auf Seidenpapier, mongolische Gebetsbücher, Bücher aus dem 16. bis 18. Jahrhundert.

Viktor Lazić sammelt „seit ich acht Jahre alt“ war, sagt er und lächelt selig. Das Ganze liegt tatsächlich im Blut. Denn Viktors Großvater, Aleksandar Lazic, war schon ein Buchverrückter. 1882 begann er zu sammeln. Davor gab es schon einen Mihailo Lazić, einen orthodoxen Priester im frühen achtzehnten Jahrhundert, der den Grundstock legte.

Und Luka Lazić, der Urgroßvater flüchtete im ersten Weltkrieg mit wertvollen Büchern, die er in seinem Mantel eingenäht hatte vor den Habsburgern, in der Zwischenkriegszeit baute er die Familienbibliothek wieder auf, 20.000 Bände umfasste sie, dazu gab es ein Theater und einen Fahrradzustelldienst für Leihbücher.

G24A7945Im Zweiten Weltkrieg und danach hatten es die Bücher auch nicht leicht, genauso wie Milorad und Danica, die Großeltern unseres heutigen Buchverrückten. Im Weingarten wurden nach dem Krieg „problematische“ Bücher vergraben, um sie vor der Zerstörung durch die Kommunisten zu schützen.

Erst 2012, durch die Initiative Viktor Lazićs konnte die Bibliothek wieder geöffnet werden. Eben in der Josipa Slavenskog 19.

Bücher bis  ins Schlafzimmer

Nur Viktors Vater, Rechtsanwalt, mittlerweile in Pension, hatte kein so gutes Verhältnis zu Büchern. Schließlich war er fortwährend angehalten, die Bücher des Großvaters von einem Ort zum anderen zu tragen. Daher auch die Mentalreservation als Viktor Lazić, der Sohn, wieder mit dem Bücherwahn infiziert wurde und Haus und Hof begann, mit bedrucktem Papier zu blockieren. Mittlerweile finden sich die Bücher in jeder Ritze, jedem Zimmer, jedem Quadratmeter Garage. Vater Lazić lacht: „Was soll es, jetzt mach ich halt mit.“ Die Mutter wehrt sich nur, wenn das elterliche Schlafzimmer Gefahr läuft, Teil des bibliotechnischen Kriechstroms zu werden.

Heute, die erste Million ist also voll, plant Viktor Lazić eine permanente Ausstellung in der Belgrader Innenstadt. Gespräche dazu haben begonnen. Was er aber nicht anpeilt, ist die eine, die große, zentrale Bibliothek. „Das ist mir zu gefährlich“ sagt er, „ich bevorzuge ein dezentrales Konzept“. In der Zukunft sollen die Bücher nach Sachgebieten auf mehrere Häuser verteilt werden und für Bücherfreunde und Forscher zugänglich gemacht werden. Ein zerstörerischer Großbrand, wie ihn die Bibliothek in Sarajewo nach einem Anschlag im Krieg 1992 traf und wo zwei Millionen Bücher verbrannten, kann dann nicht mehr so großen Schaden anrichten. Sagt es und klemmt sich wieder das Telefon ans Ohr – gerade ist wieder eine Bücherlieferung eingetroffen, für die es gilt, in einem der Lager Platz zu schaffen.

Anmerkung: Wenn Sie Bücher, Nachlässe u. ä. an die Lazić-Bibliothek spenden möchten, so schreiben Sie bitte an den Autor unter herbert@starmuehler.at

Webadresse des Bücher-Museums: www.adligat.rs

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.